Hintergrund

FRUITVALE STATION erzählt die letzten 24 Stunden einer wahren Geschichte. Der junge Nachwuchs-Regisseur und Drehbuchautor Ryan Coogler hat sich einen Fall von rassistisch motivierter Polizeigewalt vorgenommen, der sich in der Silvesternacht 2008/09 ereignete und nicht nur die San Francisco Bay Area, sondern die gesamten USA erschütterte. Für diese bewegende Geschichte – mit der er dem verstorbenen Oscar Grant ein Denkmal und einer ganzen Gesellschaft gleichzeitig ein Mahnmal setzt – versammelt Coogler eine erstklassige Besetzung vor seiner Kamera.

Der Film

Als der 22-jährige Oscar Grant (Michael B. Jordan) am Morgen des 31. Dezember 2008 aufwacht, spürt er, dass etwas in der Luft liegt. Ohne genau zu wissen, was es ist, nutzt er die Gelegenheit, um endlich seine guten Vorsätze in die Tat umzusetzen: Als Vater, Partner und Sohn möchte er ein besserer Mensch werden. Für seine vierjährige Tochter Tatiana (Ariana Neal), die ihn trotz zwei Jahren Gefängnisaufenthalt noch immer vergöttert, für seine Freundin Sophina (Melonie Diaz), mit der er nicht immer ganz ehrlich war, und für seine Mutter (Octavia Spencer), die an diesem Silvestertag Geburtstag hat.

Freunde, Familie und Fremde kreuzen seinen Weg, doch im Laufe des Tages muss Oscar feststellen, dass Schwierigkeiten und Herausforderungen nicht ausbleiben, wenn man sich selbst und sein Leben verändern will. Von seinem Plan, ein besserer Mensch zu werden, will er sich trotzdem nicht abbringen lassen. Aber soweit kommt es nicht: nach einer fröhlichen Silvesternacht in San Francisco gerät er auf seinem Rückweg im Zug in einen Streit. Vollkommen unerwartet wird er von einem weißen Polizisten erschossen – in der U-Bahn- Station Fruitvale. 

Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Ryan Coogler

Was inspirierte Sie dazu, „Fruitvale Station“ zu drehen?

Zunächst einmal war das tatsächlich ganz direkt der Tod von Oscar Grant und dessen Nachwirkungen. Ich war damals selbst in der Bay Area, als sich der Vorfall ereignete, in den Weihnachtsferien der Filmhochschule. Ich hörte, dass jemand an der BART-Haltestelle Fruitvale angeschossen worden war und am nächsten Morgen gestorben ist. Am Neujahrstag sah ich dann auch gleich die Aufnahmen aus der Station und war davon schwer erschüttert. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass das genauso gut ich hätte sein können. Wir hatten das gleiche Alter. Seine Freunde sahen aus wie meine Freunde. Dass so etwas in der Bay Area passieren konnte, hat mich wirklich entsetzt.

Während des Gerichtsverfahrens bekam ich dann mit, wie die Situation politisiert wurde. Je nachdem auf welcher Seite die Menschen politisch gesehen standen, wurde Oscar

wahlweise als Heiliger gezeichnet, der in seinem Leben noch nie etwas falsch gemacht hatte, oder als Monster, das in jener Nacht bekommen hat, was es verdiente. Was in dem Prozess meiner Meinung nach vollkommen unterging, war Oscars Menschlichkeit. Wenn jemand sein Leben verliert, liegt die wahre Tragödie doch darin, was er oder sie jenen Menschen bedeutete, die ihn oder sie am besten gekannt haben.

Die Handyaufnahmen aus der BART-Station, der Prozess und die gesamten Nachwehen des Vorfalls haben in mir ein Gefühl großer Hilflosigkeit hervorgerufen. Viele Menschen in der Bay Area machten mit bei Protesten, Demonstrationen und Märschen. Es gab aber auch viele Ausschreitungen, die aus dieser Verzweiflung heraus entstanden. Ich wollte etwas tun, das wirklich etwas verändert. Wenn es mir gelänge, die Geschichte mit den Mitteln der Kunst zum Leben zu erwecken und dem Publikum die Chance zu geben, Zeit mit jemandem wie Oscar zu verbringen, könnte das vielleicht die Wahrscheinlichkeit verringern, dass so etwas noch einmal geschieht.

Wie und zu welchem Zeitpunkt stieß dann Forest Whitaker zu dem Projekt?

Im Januar 2011, in meinem letzten Semester an der Filmhochschule, erfuhr ich, dass Forests Firma Significant Productions auf der Suche war nach jungen Filmemachern, um mit denen zusammenzuarbeiten. Scheinbar war dabei mein Name gefallen. Also wurde ich vorstellig und traf mich mit Nina Yang, der Leiterin der Produktionsabteilung. Sie war wirklich großartig, erzählte mir von der Firmenphilosophie und bat darum, ein paar Sachen lesen zu dürfen, die ich geschrieben hatte. Also zeigte ich ihr einige meiner Projekte, und nachdem sie sie sich angesehen hatte, fand sie es an der Zeit, mich mit Forest bekannt zu machen.

Ein paar Wochen später kam es dann tatsächlich zu einem Treffen, bei dem ich sofort begeistert war von seiner Bescheidenheit und seiner Leidenschaft für Filmemachen und soziale Belange. Er war daran interessiert zu hören, welche Art von Projekten mir nach meinem Schulabschluss vorschwebte, also stellte ich ihm ein paar vor, an deren Entwicklung ich saß. Schließlich berichtete ich ihm von FRUITVALE STATION und erzählte, dass dieses Projekt mir besonders am Herzen liegen würde. Ich erzählte ihm davon, wie ich den Film strukturieren wollte und dass ich schon mit den Anwälten des Zivilprozesses in Kontakt war, dank eines Freundes, der noch an der USC Jura studierte, aber in der Bay Area an dem Fall arbeitete. Forest sagte auf Anhieb, dass er mit helfen wolle, den Film auf die Beine zu stellen, gab mir die Hand und ging. Ich war so aufgeregt, dass ich sofort nach Hause ging und augenblicklich begann, das Projekt weiter zu skizzieren.

Wie lange hat die Entwicklung des Films letztlich gedauert und welchen Hindernissen begegneten Sie dabei?

Ungefähr zur gleichen Zeit, in der ich Forest das Projekt vorstellte, hatte ich begonnen, ein mögliches Drehbuch zu entwerfen. Außerdem bekam ich von meinem Freund Ephraim Walker, der mit John Burris, dem Anwalt der Familie, arbeitete, die öffentlich zugänglichen Akten des Verfahrens. Nachdem Significant dann mit an Bord war, machte ich mich daran, selbst Oscars Familie zu treffen und sie darum zu bitten, uns die Rechte an Oscars Geschichte zu geben. Dazu gehörte viel Vertrauen ihrerseits, und ich musste ihnen versichern, dass ich auf keine Weise versuchen würde, die Geschichte zu sensationalisieren. Mir ging es nur darum, sie aus der Perspektive von jemandem zu erzählen, der aus der Bay Area kommt, im gleichen Alter ist und zur gleichen demografischen Gruppe gehört wie Oscar. Aber es dauerte, sie zu überzeugen. Ich zeigte ihnen meine Kurzfilme und erzählte ihnen von mir und warum ich glaubte, dass diese Geschichte mit den Mitteln des Independent-Kinos erzählt werden müsse. Letztlich gaben sie mir ihre Zustimmung und ich konnte das Projekt weiter vorantreiben.

Eine weitere Herausforderung war es, den Film mit wirklich kleinem Budget zu realisieren, aber trotzdem gewissen künstlerischen Überzeugungen treu zu bleiben. Wir wollten unbedingt vor Ort in der Bay Area drehen. Wir wollten auf Super 16mm Film drehen. Für all diese Dinge war es wichtig, dass wir offen für kreative Lösungen und vor allem zügig im Zeitplan waren. Wir haben den gesamten Film in gerade einmal 20 Tagen gedreht, ohne irgendwelche Nachdrehs. Und dieses Tempo ließ nach den Dreharbeiten nicht nach. Der Dreh fand im Juli 2012 statt und schon sechs Monate später feierten wir in Sundance Premiere. Dieser Zeitplan war wirklich eine extrem herausfordernde Komponente dieses Films, die für alle Beteiligten ganz schön anstrengend war.

Doch auch der Wunsch, zu großen Teilen an Originalschauplätzen und nicht zuletzt in den Stationen und Zügen der BART zu drehen, war eine echte Herausforderung. Diese Szenen bescherten uns einiges Kopfzerbrechen, nicht zuletzt weil kaum jemand damit rechnete, dass die BART-Leute mit uns kooperieren würden. Immerhin war Oscars Tod für das Unternehmen und die umliegenden Gemeinden ein schmerzliches Ereignis. Doch wir versuchten unser Glück trotzdem und stellten schnell fest, dass man uns bezüglich des Films offen gegenüber stand. Also traf ich mich mit den Verantwortlichen, stellte das Projekt vor und legte dar, warum es so wichtig für mich war, an Ort und Stelle drehen zu können. Und tatsächlich entschieden sie danach, mit unserer Produktion zu kooperieren.

Erzählen Sie ein wenig über die Besetzung des Films.

Schon bevor ich das Drehbuch schrieb, wusste ich, dass ich einen Hauptdarsteller brauchte, der den ganzen Film auf seinen Schultern würde tragen können. Er musste eine große Bandbreite und viel Charisma haben. Viel Erfahrung würde angesichts des knappen Zeitplans auch hilfreich sein. Ganz abgesehen davon, dass ich natürlich jemanden haben wollte, der Oscar ähnlich sieht. Die Bilder von ihm kennt in der Bay Area jeder, man findet sie überall im Internet. Wir brauchten jemanden mit einem tollen Lächeln und Augen, die den Zuschauer sofort in ihren Bann ziehen würden, so wie Oscars. Und nicht zuletzt sollte er selbstverständlich möglichst im gleichen Alter sein wie Oscar damals.

Für mich gab es nur einen Schauspieler, auf den all diese Kriterien zutrafen. Ich hatte Michael B. Jordan schon im Kopf bevor ich überhaupt mit dem Schreiben anfing und freute mich über die Gelegenheit, sein Können in einer Hauptrolle zeigen zu können. Wir nahmen nach den Workshops in Sundance Kontakt zu ihm auf, und er stimmte einem Treffen mit mir zu noch bevor er das Drehbuch gelesen hatte. Das fand ich wirklich sehr cool. Wir verstanden uns auf Anhieb prächtig und ich wusste sofort, dass er perfekt für die Rolle war. Dafür dass er das Skript dann auch las und Lust auf das Projekt hatte, bin ich wirklich dankbar.

Auch für die Rolle von Oscars Mutter Wanda brauchten wir eine fantastische Schauspielerin, das war klar. Immerhin spielt sie in seinem Leben eine so wichtige Rolle, und im Drehbuch verlangte die Figur darstellerisch echte Vielseitigkeit. Nachdem er das Drehbuch gelesen hatte, fand mein Agent Craig Kestel, dass wir uns an Octavia Spencer wenden sollten, die gerade für THE HELP (2011) einen Oscar® gewonnen hatte. Ich wusste, dass sie die perfekte Wahl war, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie zusagen würde. Aber Craig ermutigte mich, dass sie es sicherlich zumindest in Erwägung ziehen würde, also schickten wir ihr das Drehbuch. Und ein paar Tage später kam schon ihre Zusage! Die Zusammenarbeit mit ihr war für alle Beteiligten ein wahr gewordener Traum. Sie brachte eine unglaubliche Professionalität und Fürsorglichkeit, aber gleichzeitig auch ganz viel jugendliche Energie und jede Menge Humor mit ans Set. Eine wie sie gibt es wirklich kein zweites Mal.

Auf Melonie Diaz für die Rolle der Sophina stieß ich aufgrund mehrerer Empfehlungen, nicht zuletzt von Mitgliedern des Sundance Lab-Teams. Ich hatte sie schon in ein paar Rollen gesehen und mochte ihre Arbeit. Wir nahmen also Kontakt auf und schickten ihr das Drehbuch. Doch weil sie in New York und ich in Kalifornien war, fanden unsere ersten Gespräche nur am Telefon statt. Nach einer Skype-Session boten wir ihr die Rolle schließlich an. Sie brachte eine bemerkenswerte Energie und Arbeitseinstellung mit. Wir sind sehr dankbar, sie mit im Ensemble zu haben, nicht zuletzt weil zwischen ihr und Mike wirklich die Chemie stimmte.

Als Oscar erschossen wurde, gab es dafür eine unglaublich große Zahl von Zeugen, die ihre Videos des Vorfalls online teilten. Welche Rolle spielten diese Aufnahmen Ihrer Meinung nach im Umgang mit dem Fall und wie hilfreich waren Sie für Ihren Film?

Natürlich spielten diese Videomitschnitte für den Fall eine ganz entscheidende Rolle. Zehn Jahre früher, als es noch nicht die technischen Möglichkeiten des Jahres 2009 gab, hätte Oscars Tod längst nicht die Wirkung gehabt, die er nun hatte. Es hätte mündliche Zeugenaussagen des Hergangs gegeben, keine Videos. Doch diese Aufnahmen machen jeden, der sie sieht, selbst zum Zeugen der Tat – und genau das unterscheidet den Fall von so vielen anderen, bei denen die Polizei jemanden erschossen hat.

Für mich als Regisseur waren die Videos sehr hilfreich beim Arrangement der Szene und natürlich beim Rekonstruieren der Details, wie das damals wirklich abgelaufen ist. Aber gleichzeitig machten sie die Sache auf einer emotionalen Ebene auch viel schwieriger. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich gesehen habe wie Oscar erschossen wurde. Immer wieder, aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Jedes Mal, wenn man so etwas sieht, macht das etwas mit einem.

Abgesehen von den tragischen Umständen seines Todes: was möchten Sie mit diesem Film dem Publikum noch über Oscar Grant erzählen?

Ich möchte, dass das Publikum weiß, dass er ein echter Mensch gewesen ist, nicht nur ein Name in den Nachrichten. Er war eine Person mit ganz realen Kämpfen und persönlichen Konflikten, aber auch mit echten Hoffnungen, Träumen und Zielen. Und sein Leben war für all jene, die er geliebt hat, von wirklich tiefer Bedeutung. Ich hoffe, dass der Film für die Zuschauer eine Nähe herstellt zu Menschen wie Oscar, auf eine Art und Weise wie es eine Schlagzeile in der Zeitung nie könnte.